ISSN 2701-6765 | Magazin Tourismus.International am Donnerstag, den 01. Oktober 2020
Vulkangestein und barocke Eleganz
Einkaufsgassen, Shopping mall, Coca Cola-Werbung, Urlauber mit Einkaufstüten schlendern durch enge Gassen. Sie strömen mit gezückten Kameras auf die Piazza und finden keinen freien Platz im Straßencafe unterm Sonnenschirm. Auf der Felsen-Terrasse von Taormina oder in den mit Autos voll gestopften schmalen Straßen des Urlauber-Ortes Cefalu bewegen sich schon in der Vorsaison in der ersten Junihälfte Ströme von Touristen. Sie alle ergießen sich anschließend wieder auf den dicht belegten Bade-Strand. Wer nicht nur den Strand mit seinem sauberen recht warmen Meer-Wasser erleben will, den erwartet eine andere, eine faszinierende Urlaubswelt zwischen zwei Kontinenten - auf der Insel Sizilien.

Fahrt durch die Lava-Landschaften

Foto von Ronald Keusch

Die Visitenkarte Siziliens ist der in Europa mächtigste Vulkan Ätna mit einer Gipfelhöhe von 3340 Metern. Er hat sich immer noch nicht zur Ruhe gesetzt und beweist das mit spektakulären Eruptionen. Auf der Fahrt per Auto auf Straßen, die rund um den Ätna führen, fasziniert der Blick auf den Vulkan mit seinen aktiven vier kleinen Hauptkratern. Ein Ausgangspunkt ist Linguaglossa an der Nordseite des Ätna, wo auf knapp zwei Dutzend Kilometer Länge die Panoramastraße Mareneve beginnt. Auch wenn man auf geführte Wanderungen mit Bergführern verzichtet, erreicht man über Serpentinenstraßen das Rifugio Sapienza in 1935 Meter Höhe und mit der Kabinenbahn noch 500 Meter höher die Bergstation La Montagnola, beide mit fabelhaften Aussichten. Doch nicht allein die Fernsichten, sondern genauso die Kontraste der Landschaft sind beeindruckend. Bis zu einer Höhe von tausend Metern breitet sich der Garten Eden aus mit Zitronen-, Feigen- und Olivenbäumen, hier gedeihen prächtig Äpfel, Birnen, Aprikosen, Kirschen und Weinreben. Ab 1.500 Meter Höhe schließen sich kleine Kastanien und Akazienwälder an, hier blüht der gelbe Ginster, auch noch in den sich anschließenden Lavafeldern. Schließlich bleiben ab 2.000 Metern nur noch wenige Moose und Gräser, die dann vom Lavagestein völlig verdrängt werden. Verkehrsschilder, die von Dezember bis März vom Autofahrer das Mitführen oder Anlegen von Schneeketten fordern und lange Stangen am Straßenrand für hohe Schneelagen, wie man sie aus Alpenregionen kennt, signalisieren, wie es in den Wintermonaten in der Höhe um den Ätna bestellt ist.

Foto von Ronald Keusch

Westlich vom Ätna liegt der kleine Ort Randazzo, der nicht gerade mit einer großen Zahl von Touristen verwöhnt wird. Doch das hat das Städtchen mit seinen mittelalterlichen Häusern nicht verdient. Viele der älteren Gebäude sind aus dem schwarzen Lavagestein errichtet. Und die drei Kirchen im normannischen Stil stammen noch aus dem 14. Jahrhundert und atmen noch ein Stück der Zeiten von Staufern und Aragonesen, die hier lebten.

Spuren der Antike

Foto von Ronald Keusch

Was in den Hochburgen des Strandlebens der Touristen verlorengegangen ist, gibt es hier an der Nordküste der Insel im Überfluss - urwüchsige Landschaften und Küste mit großzügigen Möglichkeiten, im Mittelmeer zu baden. Die reizende kleine Hafenstadt Castellammare del Golfo fungierte im Altertum als Hafen der damals mächtigen Stadt Segesta. Ebenso wie ihrem Bündnispartner Karthago führten schicksalhaft ständig geführte Kriege dazu, dass Segesta verödete und bis auf eine Tempelruine nebst Trümmerfeld völlig von der Bildfläche verschwand. Nur der Hafen blieb erhalten.

Foto von Ronald Keusch

Wer an der Steilküste oberhalb des Hafens sich in einem Restaurant einen Platz sucht und aufs Meer schaut, wird sich vielleicht an den Satz von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1951 erinnern: Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden. In welcher Gefahr befindet sich heute unsere Welt mit den NATO-Manöver Defender 2020?

Foto von Ronald Keusch

Foto von Ronald Keusch

An der Südwestküste hat es von den griechischen Ansiedlungen der Ort Selinunte besser getroffen. Er avanciert in der touristischen Gegenwart mit seinen acht griechischen Tempeln zur faszinierenden Pilgerstätte für die Reste des antiken Siziliens.

Gesichter aus Lava-Gestein

Foto von Ronald Keusch

In der Umgebung von Sciacca an der Südwestküste versteckt sich an einem Berghang inmitten von bebauten Grundstücken das Castello Incantato. Dieses Castello hat von vielem etwas. Es verströmt den Hauch von einem verzauberten Garten, einer unzugänglichen Burg mit sehr flachen Mauern und erscheint als eine Festung mit unzähligen Wächtern. In einem großen hübsch in Terrassen angelegten riesigen Gartengelände befinden sich 3.000 aus Lava-Gestein geformte kleine Köpfe (manche Quellen zählen sogar die doppelte Zahl), die eine eigentümliche Geschichte erzählen. Den jungen Sizilianer Filippo Bentivegna trieb die Suche nach Arbeit Anfang des vorigen Jahrhunderts in die USA. Dort verliebte er sich in eine Frau. Doch ein anderer Verehrer verprügelte den armen Sizilianer brutal und gnadenlos und schnappte ihm seine verehrte Braut weg. Filippo kehrte nach Sizilien zurück, lebte allein und isoliert in einer kleinen Hütte seines Castellos und meißelte tausendfach Köpfe mit Gesichtern ins Gestein. Laut Legende sollen die Skulpturen dem prügelnden Widersacher aus den USA ähneln, sozusagen eine besondere Form, seinem Feindbild die Fresse zu polieren.

Foto von Ronald Keusch

Eine Schnurre für die Touristen, ein Fall für den Psychiater oder …? Manche der Gesichter ähneln dem von Filippo selbst, wenn man sie mit einem in der Hütte aufgehängten Porträt von ihm vergleicht. Fragen kann ihn niemand mehr, denn er ist in den 60igern im Alter von 84 Jahren gestorben. Die Köpfe sind wahrlich keine große Kunst, fanden allerdings auch schon den Weg in das Museum von Lausanne. Sie erzählen eine frappierende Geschichte und haben für den Betrachter mit ihren ganz unterschiedlichen Formen eine große Ausstrahlung. Außerdem bieten sie jede Menge Foto-Motive.

Nabel von Sizilien

Foto von Ronald Keusch

Die Stadt Enna in bergigen Landschaften auf 1.000 Meter Höhe, dank ihrer Lage mittendrin auf Sizilien, wird gern als Nabel Siziliens bezeichnet. Nicht weit von der Piazza Vittorio Emanuele, dem Hauptplatz der Stadt, standesgemäß mit Cafes bestückt, blickt man vom Belvedere auf den Nachbarort Calascibetta. Die Hauptstraße von Enna, die Via Roma, führt an mittelalterlichen Häusern vorbei zum Dom und endet am Castello di Lombardia. Das Castello vereinigt byzantinisches, normannisches und staufisches Bauen. Leider kann man weder seinen Burgturm noch die Burgmauern erklimmen - alles abgesperrt und nicht restauriert. Doch der Besucher kann die in den Stein geschlagenen Treppenstufen des Rocca di Cerere ersteigen, der gleich neben dem Castello liegt. Sie führen auf die Spitze des hohen Felsens und entschädigen den Besucher mit phantastischen Sichten, die das Castello nicht liefern kann.

Festival des Spätbarock

Foto von Ronald Keusch

Unterwegs im Süden von Sizilien kann der Besucher in vielen Orten erleben, dass nach schweren Erdbeben vor 300 Jahren die ursprüngliche mittelalterliche Enge der Häuser und Gassen zerstört und an ihrer Stelle die Stadtkerne barock neu aufgebaut wurden. So fand dort überall in den Innenstädten ein Festival der barocken Baukunst statt. Beispielhaft steht dafür Caltagirone, die Hauptstadt der Keramik, mit ihren unzähligen Töpferläden und der berühmten Scala, der Monumental-Treppe, deren 142 Stufenabsätze mit Keramikkacheln geschmückt sind.

Foto von Ronald Keusch

Auch der Ort Scicli mit 26.000 Einwohnern erhielt durch viele Barock-Bauten, durch breite Straßen und einige großzügig angelegte Plätze seine schöne Grazie und eine stolze Note. Eine Besonderheit bietet der Palazzo Beneventano. Er ist an seiner Fassade mit verzerrten fratzenhaften Gesichtern bestückt. Nur einige von ihnen, ich habe insgesamt vier gezählt, haben Wind und Wetter getrotzt und schauen boshaft auf die Welt. Ihr Anblick kann den Beobachter schon frösteln lassen - die Los Caprichos des Malers Francisco de Goya lassen grüßen. Gleich neben dem Palazzo mit den skurrilen Grimassen ein modern eingerichtetes kleines Restaurant auf drei Treppenebenen unter mehreren Sonnensegeln. Ein Luftzug schafft in der Mittagszeit ein wenig Abkühlung. Einschmeichelnd erklingt der Sound von internationaler Popmusik. Auf der Speisekarte steht Bacalhau, zubereitet in einem Keramiktopf und Pasta mit Schwertfisch - das ist Sizilien und Bella Italia.

Text und Fotos von Ronald Keusch

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