Magazin Tourismus.International am Freitag, den 14. August 2020
Der maritime Globetrotter
Gibt es etwas Spannenderes als über unzählige Stationen des Lebens eines außergewöhnlichen Menschen zu erfahren mit seinen ganz persönlichen und ungeschminkten Sichten? Die Erinnerungen, die Peer Schmidt-Walther in seinem Buch "Reise, reise!" akribisch auf 581 Seiten aufzeichnet, hätten für gut und gern vier oder fünf prall mit Abenteuern ausgefüllte einzelne Menschenleben ausgereicht. Aber er hat sie mit seinen heute 75 Jahren alle selbst erfahren auf seinen Reisen zu Lande, in der Luft und vor allem zu Wasser.

Seekrank vor Helgoland

Schon zu Beginn des knapp 600 Seiten umfangreichen Buches spürt der Leser, dass Peer Schmidt-Walther sympathisch ehrlich erzählt und dabei schon manchmal bis an die Schmerzgrenze geht. In Eckernförde in Schleswig-Holstein an der Ostsee aufgewachsen, macht er mit 14 Jahren seine erste größere Schiffsreise von Büsum auf der MS Antlantis nach Helgoland bei Windstärke acht. Gemeinsam mit 200 Passagieren wird er tüchtig seekrank. Völlig durchnässt und wie andere mit grün gefärbten Gesicht kam er schließlich an Land. Doch dieses und weitere stürmische Erlebnisse auf Schiffen in jungen Jahren konnten ihm nicht sein Fernweh, seine unbändige Lust auf die Schifffahrt austreiben. Schon zu dieser Zeit liefert er regelmäßig Reiseberichte, damals an die Schülerzeitung. Noch keine 15 Jahre besorgt sich der Schüler Peer eine Gesundheitskarte und ein Seefahrtsbuch und lässt sich über die Jungfischerschule Bremerhaven auf den Fisch-Trawler Johannes Krüss vermitteln. "Wir stehen an der Reling bis an die Brust im eiskalten Wasser ... klamme und blau gefrorenen Hände in den Maschen ..."

Karrieren waren nicht vorgesehen

Es ist der Beginn einer nahezu einmaligen Karriere eines Schifffahrts-Journalisten im deutschsprachigen Raum. Mehr als drei Jahrzehnte ist er jeweils rund das halbe Jahr auf den Meeren und Flüssen dieser Welt unterwegs. Im Vorwort zitiert er die Frage eines Journalisten, was er nicht in seinem Leben gemacht habe und seine knappe Antwort lautet: "Karriere". Dabei hatte er in seinem Lebenslauf durchaus Wegkreuzungen, die eine Richtung zu einer so genannten beschaulichen bürgerlichen Karriere bedeutet hätten. So war er Gymnasiallehrer in Westberlin, hatte als Presseoffizier bei der Deutschen Marine den Rang eines Oberleutnants und später Kapitänleutnants, lehrte als hochdotierter Gymnasiallehrer an einer Europäischen Schule in Karlsruhe und wurde als Direktor einer neu gegründeten Bundeswehrfachschule in Neubrandenburg eingesetzt. Zwischendurch promovierte er an der Uni Greifswald zum Dr. rer. nat. nach zahlreichen Reisen auf Forschungsschiffen natürlich mit einem Geografie-Thema über die Küstenmorphologie der russischen Arktis.

Mit 17 Jahren auf Bananendampfer

Aber letztlich zog es Peer Schmidt-Walter immer wieder in die Ferne, auf die Weltmeere. Und es ist vergnüglich zu lesen, wohin all seine schier unzähligen Reisen gingen. Zu Beginn erlebte er als 17jähriger auf einem Bananendampfer seine Äquatortaufe. Mit dieser Reise überzog er weit die Zeit der Sommerferien, was ihm prompt einen Schulverweis einbrachte. Er heuerte später auf Riesentankern an, dem 301.000 Tonnen Nordmillennium, ihn befiel das "Großsegler-Virus", als er auf dem berühmten Großsegler "Gorch Fock" als Kadett seine Marineausbildung erhielt, und er war mit der Handelsmarine rund um die Welt unterwegs. Und das alles kann der Reisejournalist spannend erzählen. Deshalb ist es kaum überraschend, dass Peer Schmidt-Walther seit vielen Jahren auch ein aktives Mitglied in der Vereinigung der Reisejournalisten CTour ist.

Mit dem Truck 8.000 Kilometer durch Australien

Mit der Schifffahrt in die Ferne legte er auch Pause ein. Im Jahr 1967 studierte an der FU in Westberlin Geografie und Germanistik. Mit seinem Matrosenbrief heuerte er im Nebenjob bei der Fahrgastschifffahrt Stern und Kreis in Westberlin an. Und es überrascht den Leser nicht wirklich, dass der umtriebige Peer auch einen LKW-Führerschein ablegt, als er schon in der Redaktion einer geografischen Fachzeitschrift in Braunschweig arbeitete. Später gingen die Touren mit einem 38 Tonnen Brummi in den hohen Norden und den Tiefen Süden Europas. Er schaffte es sogar, in Australien im Truck eine Strecke von 8.000 Kilometer in neun Tagen im Nonstop-Verkehr zu bewältigen. Übrigens gelang es dem Reisejournalisten Schmidt-Walther auch, in einem Cockpit einer Lufthansa Cargo Maschine um die halbe Welt zu fliegen und im Führerstand einer 163 Tonnen schweren Dampflok mit 2.000 PS zu stehen und von Rügen nach Stralsund zu fahren. Über all das erzählt er unterhaltsam, mit vielen Fakten (Endlich mal einer, der von der Sache, über die er schreibt, wirklich Ahnung hat) und natürlich auch mit etwas stolz geschwellter Brust. Einfach tolle Storys für die Leser.

Gelegentlich erfrischend kritisch

Aber seiner wirklichen lebenslangen Liebe zur Schifffahrt bleibt er immer treu. So ist er auf Forschungsschiffen am Nordpol und an den Küsten des Weißen Meeres im Winter unterwegs oder macht eine 1.437 Seemeilen Seereise durch die islamische Welt. Ob auf Schubverbänden auf den großen Flüssen Europas Rhein und Donau oder mit Containerschiffen auf den Weltmeeren, der Seefahrer und Journalist ist an Bord. Neben Unmengen von interessanten Details und Fakten über Länder, Menschen und Schiffe hält sich der Journalist Schmidt-Walter auch mit kritischen Bemerkungen nicht zurück. So ist es erfrischend, wenn er mit seinen Lebenserfahrungen einzelne Führungsetagen Deutschlands im Schul- und Universitätsbetrieb, bei der Bundesmarine oder in Verlagen und Chefredaktionen den Spiegel vorhält und mehr Vernunft anmahnt. Der Weltenbummler hat sich dazu ein gutes und scharfes Augenmaß zugelegt.

Gorch Fock wieder in Stralsund

Einen ganz großen Coup landete Peer Schmidt-Walther mit dem legendären im Jahr 1933 erbauten Schulschiff Gorch Fock. Der Großsegler mit seiner wechselvollen Geschichte war jahrzehntelang in der Sowjetunion im Einsatz und ist seit dem November 2003 wieder in Stralsund. Daran hat der maritime Weltenbummler keinen geringen Anteil. Diese spannende Geschichte u. a. mit der Rede der Taufpatin Rosemarie Schmidt-Walther, seiner Ehefrau, mit der er in Stralsund seit knapp 30 Jahren sein neues Zuhause hat. Allerdings ist das für Peer der Ort, von dem er nach wie vor wieder auf Reisen gehen kann. "Reise, reise" von Peer Schmidt-Walther ist bei edition psw erschienen.

Der Beitrag von Ronald Keusch ist vorab bei CTour erschienen.