ISSN 2701-6765 | Magazin Tourismus.International am Mittwoch, den 27. Oktober 2021
Harry Reide (97) über Angst in der Bevölkerung, Tacheles zu reden
Zum Abschluss von meinen drei Reisereportagen durch Russland nach Moskau, Kasan und Petersburg habe ich ein Gespräch mit meinem früheren Russisch-Lehrer, dem heute 97jährigen Harry Reide geführt. Deutsche Medien und Politiker betreiben zunehmend Propaganda gegen Russland und dessen Präsidenten Putin bis hin zu Kriegshetze. Eine unheilvolle Rolle spielen dabei eine ganze Reihe von sogenannten Einflussagenten der USA wie Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt (Grüne) oder Norbert Röttgen (CDU). Auch die EU wird wirklich immer mehr zum Problem, wenn dort Scharfmacher Mehrheiten gewinnen, die am Konflikt und nicht an Freundschaft mit Russland interessiert sind. "Eine Normalisierung der Beziehungen zwischen der EU und Russland würde beiden Seiten extrem nützen, auch und gerade den Deutschen. Immerhin hat die EU Außengrenzen zu Russland und nicht zu den USA. Russland ist uns geschichtlich tausendmal näher als die USA." (Nachdenkseiten 9.10.2019 Harald Ferbar) Hören wir den Zeitzeugen zu, die uns heute mit ihrer Lebensgeschichte über die Erfahrungen mit russischen Menschen erzählen können und ihr Vermächtnis den nachfolgenden Generationen übermitteln.

Unternehmt eine Reise nach Russland

Interview mit Harry Reide, Jahrgang 1924, geboren als Kind einer Bauernfamilie im Dorf Keller in Brandenburg. Er hatte sein Leben lang freiwillig wie unfreiwillig viel zu tun mit den Menschen aus der damaligen Sowjetunion und dem heutigen Russland sowie mit der russischen Sprache.

Tourismus.International Als ich vor mehr als 50 Jahren als Schüler von 1964 bis 1968 bei dir in den Unterrichtsstunden im Fach Russisch saß, konntest du dir sicher nicht vorstellen, heute im Jahr 2021 deinem früheren Schüler ein Interview zu geben. Die erste Frage wird dir in der Gegenwart sicher oft gestellt. Du bist 97 Jahre alt, geistig fit und halbwegs mobil. Wie hast du das geschafft?

Harry Reide Ich habe viel Sport getrieben und ich glaube, dass ich sogar alle Sportabzeichen erhalten habe, die es gab. Und dabei immer die höchste Stufe angestrebt und erreicht, also mit Gold abgelegt. Von meinem Heimatdorf Keller bin ich viele Jahre bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, immerhin eine Strecke von 20 Kilometern. Ich war immer in Bewegung, habe in der Landwirtschaft gearbeitet und keine schwere Arbeit gescheut. Als ich nach Alt Ruppin eingeheiratet habe, war unser 200 Jahre altes Haus eine Bruchbude. Mein Vater empfahl, abreißen und neu bauen. Das Haus steht hier begrenzt durch den alten und den neuen Rhin im Zentrum von Alt Ruppin auf einer Halbinsel. Der Denkmalschutz verbot den Abriss, alles musste saniert werden mit schwerer körperlicher Arbeit. Aber entscheidend ist wohl, dass ich auch die langen Jahre als Lehrer immer Sport getrieben habe. Und mit 94 Jahren bin ich immer noch Fahrrad gefahren. Also mein Geheimnis ist immer in Bewegung sein und viel Sport treiben.

Tourismus.International Du warst in den DDR-Zeiten mehr als 30 Jahre ein Lehrer für Russische Sprache zuerst in Alt Ruppin und dann an der Fontane Oberschule in Neuruppin. Was hat dich zu diesem Beruf gebracht? Es hängt sicherlich mit deinem Lebenslauf zusammen ...

Harry Reide Als ich im Jahr 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, da war es für mich schwer, einen Beruf zu erlernen. Ich hatte nur ein Notabitur. Auf einem Bauernhof aufgewachsen hat mich die Veterinärmedizin interessiert, ich wollte Tierarzt werden. Doch als ehemaliger Offizier der Wehrmacht durfte ich laut Gesetz für zwei oder drei Jahre nicht an einer Uni studieren, auch nicht im damaligen Westberlin. Da ich immer gern mit Kindern und Jugendlichen zusammen war, bin ich zur Abteilung Volksbildung gegangen. Als sie dort hörten, dass ich aus russischer Kriegsgefangenschaft kam, hat mich sofort eine Balten-Deutsche russisch angesprochen und als ich russisch antwortete, hörte ich gleich den Satz: Sie brauchen wir. Und: Sie sollten Russisch-Lehrer werden! Und ich kann mich noch genau an meine Antwort erinnern. Ich möchte nach diesem Krieg ein Mittler zwischen unseren beiden Völkern sein. Ich habe das damals schon so empfunden. Ich war tieftraurig, dass diese beiden Völker, die Deutschen und die Russen, gegeneinander diesen schrecklichen Krieg geführt haben. Denn von Mensch zu Mensch haben sich Deutsche und Russen doch verstanden. Auch mein Vater, der im 1. Weltkrieg als Soldat in Russland war, bestätigte das. Diese Zuneigung wollte ich vertiefen und vor allem die Jugend zur Freundschaft und Zusammenarbeit mit Russland erziehen. Diese meine Gedanken führten zum Entschluss, an einem Jahreslehrgang zur Ausbildung russischen Sprachlehrer in Brandenburg teilzunehmen. Diesen schloss ich mit der Note "sehr gut" ab und erhielt die Lehrbefähigung für die Klassen V-VIII.

Tourismus.International Als junger Soldat bist du bei der Wehrmacht zur Artillerie eingezogen worden. Du hast in Russland gekämpft und auch an der 900 Tage andauernden Belagerung von Leningrad teilgenommen. Kannst du darüber etwas sagen?

Harry Reide Ich kam als junger Soldat im Februar 1943 an die Wolchow-Front, südöstlich von Leningrad in einen sogenannten ruhigen Abschnitt. Uns gegenüber lagen gut eingeschossene Scharfschützen, die uns mit Granatüberfällen arg bekämpften, so dass es die ersten Verluste gab. Im Frühjahr wurden wir an die Leningrader Front im Raume MGA an einen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt verlegt. Ich nahm an der schlimmsten und blutigsten 3. Ladoga-Schlacht teil, die auf beiden Seiten zu großen Verlusten führte. Als Nachrichtenübermittler gehörte ich zum VB-Trupp - vorgeschobener Artilleriebeobachter bei der Infanterie. Hier wurde ich das erste Mal verwundet.

Tourismus.International Wann begann deine Kriegsgefangenschaft?

Harry Reide Erst viel später. Ich wollte Veterinär bei der Armee werden, denn ich hatte zu Hause auf dem Bauernhof auch viel mit Pferden zu tun. Und bei der Wehrmacht war die Artillerie auch noch mit Pferden bespannt. Aber es wurden keine Veterinäre, sondern Frontoffiziere benötigt. Ich kam zur Waffenschule nach Frankreich. Nach einem weiteren Lehrgang wurde ich in Küstrin zum Leutnant befördert. Mit der Batterie nahm ich an weiteren Schlachten im Baltikum, auf der Insel Sworbe und in Ostpreußen teil. Auf der Halbinsel Hela bin ich mit meiner verbliebenen Einheit am 8.Mai, einen Tag nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst, in die Gefangenschaft gegangen.

Tourismus.International Inwieweit war deine mehrjährige russische Kriegsgefangenschaft auch eine Schule für die russische Sprache, für deinen späteren Beruf?

Harry Reide Nach der Gefangennahme wurden wir in Güterwagen von Ostpreußen bis in die Nähe von Moskau in den Vorort Chlebnikowo abtransportiert. Dort bauten wir unser Lager auf und arbeiteten in einer Gruppe von 15 Gefangenen in einer Ziegelei, an einem Rundofen. Ich war derjenige, der mit den russischen Verantwortlichen, einem Hauptmann und einem deutschfreundlichen Meister, den Kontakt hielt und die Absprachen führte. Mir war klar, ich muss möglichst schnell ein wenig die russische Sprache verstehen und sprechen lernen. Dank einer russischen Arbeiterin in der Ziegelei, die in der Schule Deutschunterricht hatte, konnte ich mit ihrer Hilfe bald auch einige Fachausdrücke erlernen. So konnte ich an den Arbeits-Besprechungen ohne Dolmetscher teilnehmen. Nach einiger Zeit sagte dann der leitende sowjetische Hauptmann nach einer Besprechung zu mir: "Dawei prekurit" ("Lass uns eine rauchen"). Von diesem Tag an waren wir gute Freunde geworden. Eines Tages stand die Frage der Norm-Übererfüllung im Raume. Nach Rücksprache mit meinen Männern gelang es mir, drei freie Tage mit Zusatzverpflegung heraus zu handeln.

Im ersten Winter erkrankte ich schwer und lag mit hohem Fieber frierend in einer Baracke. Da es noch keine medizinische Betreuung der Gefangenen gab, halfen mir zwei Ingenieure der Ziegelei mit Nahrungsmitteln und Medikamenten. So konnte ich schnell wieder genesen. Als Dank schenkte ich ihnen meine Konfirmationsuhr, die ich bei der ganzen "Filzerei" retten konnte. Von ihnen erfuhr ich auch ihre Gegnerschaft zum Stalin-Regime. Auch später, als ich in einem Kohlebergwerk bei Tula gearbeitet habe, halfen mir die Kenntnisse der russischen Sprache. Dort unter Tage wurde ich zwei Wolgadeutschen zugeteilt. In einer Schicht mussten wir drei Kumpel etwa 30 - 35 Tonnen Kohle aus einem Stollen aufladen und auf das Hauptgleis raus fahren. Sie haben mir zusätzlich Lebensmittel zugesteckt. Ich war stark unterernährt und hätte ansonsten die körperliche Arbeit unter Tage nicht durchgestanden. Übrigens, da ich in einer Brigade gearbeitet habe, die die Norm übererfüllte, wurde ich mit ihnen zusammen als Bestarbeiter ausgezeichnet.

Tourismus.International Warst du als Kriegsgefangener nur in Arbeitslagern?

Harry Reide Nein, aufgrund der Auszeichnung hatte ich die Möglichkeit, eine Antifa-Schule für deutsche Soldaten für drei bis vier Monate zu besuchen. Wir konnten dort deutsche Literatur lesen, uns mit philosophischen Schriften befassen und frei über aktuelle Themen diskutieren. Ich sollte dann ein Lektor werden, aber das konnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, denn ich kam nicht aus der Arbeiterklasse. Da habe ich gesagt, ich bin der Sohn eines "Kulaken". Der Leiter der Schule, ein russischer Oberstleutnant vom Volkskommissariat des Innern (NKWD) akzeptierte meine Ablehnung und hoffte, dass ich beim Aufbau eines neuen Deutschlands mithelfe. Ein anderes Mal bekam ich den Auftrag, einen Arbeitseinsatz zur Waldarbeit nördlich von Moskau zu organisieren. Da kam ich mit einem älteren Mütterchen ins Gespräch. Sie erzählte mir mit stockender Stimme: Ich hatte zwölf Kinder und zehn von ihnen sind aus dem Krieg nicht wieder gekommen. Dann hat sie geweint und hat mich gedrückt und geküsst. Ich war erschüttert, sprach ihr mein Beileid aus und sagte ihr: Es ist so furchtbar, dass diese beiden Völker in so einen schlimmen Krieg geraten sind, der so vielen so viel Leid brachte. Später musste ich 30 Bauernsöhne aus den Gefangenen auswählen, die mit einer Sense umgehen konnten, um eine Heuernte in der Nähe von Tula einbringen zu können. Da wir in den Dörfern untergebracht waren, ergaben sich freundliche und fürsorgliche Kontakte. Die Einsätze waren eine willkommene Abwechslung vom tristen Lagerleben. Meine guten Sprachkenntnisse haben auch zu Konfrontationen geführt, wenn ich mich z. B. für bessere Arbeitsbedingungen eingesetzt habe und mehr als einmal wurde mir mit einer Verbannung nach Sibirien gedroht. Im November 1949 wurde ich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Tourismus.International Kannst du dich noch an deine ersten Russisch-Stunden erinnern, die du als Lehrer gegeben hast?

Harry Reide Ganz am Anfang war es nicht leicht. Es haben sich 1945 mit den Vergewaltigungen durch russische Soldaten auch im Ruppiner Land grauenhafte Dinge abgespielt. Da hatte ich als Russisch-Lehrer, der damals zuerst nach Alt Ruppin kam, einen schweren Stand. Das Image der russischen Truppen war bei vielen sehr negativ. Mit der Zeit hatte es sich beruhigt, wie ich das bei vielen Elternbesuchen feststellte. Im Dezember 1950 begann mein Schuldienst - mit der Lehrbefähigung bis zur 8. Klasse. Ein paar Jahre später wurde ich nach Neuruppin zur Erweiterten Oberschule (EOS), heute würde man Gymnasium sagen, versetzt. Bald wurde ich Fachberater für den Kreis und verantwortlich für 23 Schulen. In meiner Laufbahn wurde ich zum Oberlehrer befördert und in einem Fernstudium in den 60ziger Jahren habe ich mich für den Unterricht bis zur Abiturstufe qualifiziert.

Tourismus.International Zu DDR-Zeiten wurde eine Gesellschaft für Deutsch Sowjetische Freundschaft (DSF) gegründet. Nur eine Einrichtung staatlich verordneter Propaganda oder auch etwas Sinnvolles?

Harry Reide Die DSF war durchaus sinnvoll. Sie diente der Förderung und Auszeichnung guter Leistungen in der russischen Sprache. Durch den Vorstand wurden Gottfried-Herder-Medaillen verliehen. Auch wurden beispielsweise die Russisch-Olympiaden an den Schulen organisiert. Der Kreis Neuruppin mit seinen Schulen hat da immer mit an der Spitze des Bezirkes Potsdam gelegen. Es gab auch einen engen Kontakt zur sowjetischen Schule. Ich war mit dem Direktor aus Tschetschenien befreundet. Oft organisierten wir sportliche Wettkämpfe und Museumsbesuche. Zu Beginn eines jeden Schuljahres wurden Schülerdelegationen ausgetauscht. Ein Höhepunkt der Zusammenarbeit war die Aufführung des Tschechow-Stückes "Der Heiratsantrag" von deutschen Schülern in russischer Sprache vor sowjetischen Soldaten im Schlossgarten. Wir haben auch eine Kapelle aufgestellt und spielten deutsche und russische Lieder vor 500 sowjetischen Soldaten. Leider wurden diese Aktivitäten gegen Ende der DDR-Zeit immer weniger.

Tourismus.International Nach der Wendezeit in Deutschland und dem Zerfall der Sowjetunion veränderte sich auch das Verhältnis der deutschen Politik zu Russland. Wie hast du das beobachtet?

Harry Reide Als 1989 die großen Demonstrationen in Leipzig stattfanden, da kamen viele sowjetische Offiziere zu mir. Sie wollten wissen, was hier in der DDR passiert. Warum gehen so viele Menschen auf die Straße. Als schließlich die sowjetischen Truppen abzogen, haben die Westmächte und maßgebliche deutsche Politiker dem Gorbatschow hoch und heilig versprochen: Es gibt keine Osterweiterung der NATO. Daran kann ich mich noch ganz genau erinnern. Die Russen sind dann aus Deutschland abgezogen. Doch die sowjetische Führung mit Gorbatschow hat sich leider dieses entscheidende Versprechen nicht in Verträgen schriftlich fixieren lassen.

Tourismus.International Präsident Putin hat noch im Jahr 2001 im Bundestag eine Rede in deutscher Sprache gehalten und viele Abgeordneten haben stehen applaudiert. Kennst du diese Rede?

Harry Reide Ich habe diese Rede von Putin natürlich verfolgt. Seine Worte haben mich unglaublich gefreut. Allerdings haben einige Abgeordnete aus den großen Parteien nicht geklatscht oder nur verhalten Beifall gespendet. Es war so ein großer historischer Moment und so eine einmalige Chance, die Beziehungen der Völker von Deutschland und Russland wieder kooperativ und freundschaftlich zu gestalten. Und diese Chance wurde verpasst, wie man weiß, zugunsten von US-amerikanischen Interessen und internationalen Rüstungskonzernen rund um die NATO.

Tourismus.International Warum ist deiner Meinung nach einer solcher Rede von Putin im Bundestag im Jahr 2021 nicht mehr vorstellbar?

Harry Reide In der Ära Merkel hat sich die deutsche Politik immer mehr den Interessen der USA zugewandt. Die Militär-Manöver der NATO unter Führung der USA-Militärs mit deutscher Beteiligung wie jüngst Defender Europe 2021 führen dazu, immer mehr Spannung und Konfrontation zu erzeugen. Da passt natürlich so eine versöhnliche kluge Rede mit einer Handreichung nicht ins Konzept. Nun stehen schon wieder deutsche Soldaten an der russischen Grenze, nur 150 Kilometer von Petersburg entfernt. In die Regierungszeit von Angela Merkel sind ja auch weitere entscheidende Schritte zur sogenannten Osterweiterung der NATO vollzogen worden. Ich kann solche Kriegsspiele vor der Tür von Russland nur auf das Schärfste verurteilen. In meinen Augen sind solche Manöver eine Bedrohung für den Weltfrieden.

Tourismus.International Der 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Russland, die Ukraine, Weißrussland und andere Staaten der damaligen Sowjetunion verstreicht ohne Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag. Der Petersburger Dialog liegt auf Eis, weil Russland seinerseits mit einzelnen deutschen NGOs nicht mehr sprechen will. Die zentrale Frage: Fällt Deutschland außer Dialogverweigerung nichts mehr ein?

Harry Reide Leider sind derzeit in der Gesellschaft nicht die Kräfte vorhanden, die notwendig wären, die Beziehungen zwischen Russland und der westlichen Welt wieder friedlicher zu gestalten und zu normalisieren. Es fehlen Moderatoren.

Tourismus.International Es gibt nur einige wenige deutsche Politiker wie Matthias Platzeck und Gerhard Schröder (SPD), Horst Teltschik (CDU), Antje Vollmer (Grüne), leider zumeist nicht mehr in politischen Ämtern, die eine Beendigung des kalten Krieges und Verständigung mit Russland fordern. Wie kann man sie unterstützen?

Harry Reide Früher konnte man seine Meinung auch zu solchen Themen der Außenpolitik öffentlich sagen oder teilweise in Zeitungen veröffentlichen. Wenn man heute solche und andere Positionen äußert, die von den großen offiziellen Politik-Linien abweichen, dann wird man gleich in die rechte Ecke gestellt. Es herrscht teilweise sogar Angst in der Bevölkerung, Tacheles zu reden, z. B. zur Konfrontations-Politik der deutschen Regierung gegenüber Russland. Man hat den Eindruck, dass viele Politiker kein Ohr mehr bei der Bevölkerung haben. Ich bin auch empört, dass sich kurz vor Fertigstellung der Gasleitung Nordstream II die USA in dieses Projekt einmischte, um es möglicherweise noch zu verhindern. Man hat gehofft, dass der neue US-Präsident Biden diesen Kurs beendet. Aber es hat sich nichts geändert, zumindest ist jetzt ein pflaumenweicher Kompromiss ausgehandelt worden. Was hat sich die USA zu kümmern um die Gasversorgung von Deutschland und der europäischen Länder? Deutschland braucht - unabhängig von der Hysterie der Grünen Politiker - doch die Energielieferungen, auch um etwas für die Klimapolitik zu tun.

Tourismus.International Was kann jeder Einzelne ganz konkret für die Verständigung mit Russland tun?

Harry Reide Meine Antwort auf diese Frage lautet ganz klar: Nach Russland reisen, egal ob mit dem Schiff, mit der Bahn, dem Flugzeug oder einfach mit dem eignen Auto! Mit meinem Sohn habe ich im Jahr 2012 eine solche Reise unternommen. Mit dem Auto fuhren wir zu früheren Kriegsschauplätzen in Ostpreußen und im Baltikum und waren dann auch in der wunderbaren Stadt Petersburg. Hier hatte ich auf einem großen Friedhof, mit mehreren tausend Namen deutscher Gefallenen in Stein gehauen, eine sehr bewegende Begegnung. Ich traf eine alte Frau und habe mit ihr eine halbe Stunde gesprochen. Sie hat den Krieg und die deutsche Belagerung überlebt. Es hat mich sehr beeindruckt, dass sie mir ohne Groll begegnet ist. Aber auch jeder, der nicht die russische Sprache beherrscht, wird viel über Land und Menschen erfahren können.

Tourismus.International Was würdest du mit deinen langen und auch schmerzhaften Erfahrungen deinen Landsleuten und vor allem den jungen Deutschen mit 20 Jahren empfehlen und mit auf den Weg geben?

Harry Reide Ich würde gerade den jungen Leuten sagen, wenn ihr irgendwie könnt, unternehmt eine Reise nach Russland. Es gibt viele positive Erfahrungen aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Ein Freund meines Sohnes machte eine Flussreise von Moskau nach Petersburg, andere sind auf der Wolga oder mit der sibirischen Eisenbahn unterwegs. Alle waren begeistert von der überaus großen Gastfreundschaft, die man als Besucher überall antrifft. Heute macht das Internet jungen Menschen besonders leicht Kontakte zu halten.

Tourismus.International Und dein Resümee als Russisch-Lehrer?

Harry Reide Ich habe das immer schon zu meinen Schülern gesagt: Lernt Sprachen! Die Sprachen öffnen nicht nur Türen, sondern auch die Herzen. Ich habe viele Briefe von Schülern erhalten, die mir schrieben, dass die russische Sprache ihnen sehr im Studium geholfen hat. Sie wird auch in der praktischen Zusammenarbeit mit Russland sehr hilfreich sein.

Mit Harry Reide sprach Ronald Keusch.

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