ISSN 2701-6765 | Magazin Tourismus.International am Dienstag, den 30. November 2021
Im Reich der salzigen, heilenden Aerosole
Wer denkt, der rechte Zeitpunkt für eine Kur entstehe erst, wenn Botox das Faltenaufkommen nicht mehr bewältige, der irrt. Und auch über Lungenflügel im Allgemeinen, und unsere eigenen im Besonderen, sollten wir nachdenken. Es ist ja möglich, dass die schon längst resistent sind gegen frischen Sauerstoff. Das wäre schlimm. Aber auch ein überzeugender Grund, sich endlich einer Kur hinzugeben - Bad Reichenhall ist dafür genau der richtige Ort.  

Die Kur von heute ist altersneutral

Allein, wie liebevoll sich die kleine Kurstadt in die Bayrischen Berge gekuschelt hat, ist ein optischer Gewinn, der uns die Seele öffnet. Wir können uns gehen lassen, uns hingeben, Bad Reichenhall bietet sinnlichen Genuss. Ohne Geschmacksverstärker. Schon der Name der Stadt ist Programm. Reiches Hall! Gemeint sind die natürlichen Salzvorkommen, die die Stadt berühmt und reich gemacht haben. Wir werden mit Genuss AlpenSole inhalieren. Versprochen! Und endlich darüber nachdenken, welche Bedeutung Salz für unser Leben hat. Als Mineral, als Medizin, als Geschmacksträger, um beispielsweise den vollen Genuss eines großen Festtags-Bratens hervorzukitzeln. Erstaunlicherweise schweigt sich die Wissenschaft über die heilende Wirkung von Genuss aus. Aber eines ist klar. Es kommt auch beim Salz auf das richtige Maß an. Aber das wissen die Damen und Herren in Bad Reichenhall natürlich ganz genau. Und sie wissen auch, was gut ist für ihre Gäste. Die Stadt setzt voll auf sanften Tourismus. Sie ist Gründungsmitglied der "Alpine Pearls", eines Tourismus-Verbundes, dass sich den sorgsamen Umgang mit Bergen und Tälern auf die Fahnen geheftet hat. Heutzutage ist eine gelungene Kur ein liebesvolles Auftanken. Ein großes Dankeschön an unsere inneren Organe, die Corona entweder gut überstanden oder gar nicht erst zugelassen haben. Mit ihrem Slogan "Durchatmen in der Alpenstadt" trifft Bad Reichenhall den Geist der heutigen Zeit. War man vor Corona noch der Ansicht, Orte mit Kurtaxen wären extra geschaffen worden für gesetzte Herrschaften mit gelichtetem Haar, so hat sich das Blatt heute gewendet. Die Stärkung des Immunsystems ist nicht länger mehr eine Frage des Alters. Zumindest dann nicht, wenn jungen Menschen bewusst mit ihrem Körper umgehen. Durch Corona ist einiges klar geworden. So zum Beispiel die Tatsache, dass wir nicht mehr in die Karibik reisen müssen, um uns die geliebten salzigen Meeresbrisen in die Lunge zu ziehen. Siehe, Bad Reichenhall ist so nah! Diese Erkenntnis ist so altmodisch modern, dass sich junge wie alte Leute davon angesprochen fühlen.  

Man denkt mit dem Kopf des Gastes und nimmt ihre Bauchgefühle ernst

Um da überhaupt keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Die Kurverwaltung von Bad Reichenhall ist die zentrale Anlaufstelle, in der jeder Gast sein Anliegen loswerden kann. Außerdem gibt es in der Kurstadt zwei "Gesundheitsconcierges". Bei Anruf oder einer kurzen E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden sich Frau Kastner oder Frau Dewies. Man erkennt beide an dem warmen bayrischen Akzent, mit dem sie sich am Telefon melden. Und daran, dass sie präzise nach dem woher, wohin, warum und weshalb fragen. Für meinen Wunsch, den Bronchien Gutes zu tun, hatten sie sofort eine Lösung. "Villa Henkel", sagte Frau Kastner, "natürlich! Morgen Vormittag gehen Sie zu einer 20-30-minütigen Inhalation dort hin. Wir brauchen keinen Termin, es geht auch so!"  

Die Gesundheit tröpfchenweise

Das 1912 erbaute Gradierhaus ist das größte AlpenSole-Freiluft-Inhalatorium der Welt. 400.000 Liter verdünnter Alpensole fließen täglich durch die Gradieranlage. Mit Pumpen wird die Sole von den Auffangbecken bis unters Dach gehoben. Aus 13 m Höhe ergießt sie sich über abertausende Schwarzdornen-Äste in einen Trog, der sich über die Gesamtlänge des Gebäudes zieht. Dabei verdunstet das Wasser. Ein automatischer Windregler bestimmt, ob die Sole aus Ost oder West-Richtung in den Park-Pavillon oder in die Konzertrotunde rieselt. Eine Kur-Empfehlung lautet: Täglich eine halbe Stunde an der vom Wind abgewandten Seite (also dort, wo die Sole nicht rieselt) des Gradierhauses entlang zu spazieren, ist gesund. Dabei sollte man ruhig und langsam durch die Nase atmen, um so in den tröpfchenweisen Genuss der gesunden Luft zu gelangen. Etwas Besseres kann man sich und den Lungen gar nicht antun.  

Die Kneippanlage

Für die Stärkung des Immunsystems ist das Kneippen mit eisigem Solewasser eine wahre Wohltat. Selbst bei heißem Wetter braucht das erste Eintauchen in die frische Abkühlung Mut. Dafür freuen sich die Venen umso mehr. Das regt den Kreislauf an und senkt den Blutdruck.  

Der Barfußpfad

Ja, genau der, der im Ortenaupark. Gegenüber vom Königlichen Kurgarten. Dort gibt es einen speziellen Weg, der die Fußsohlen entspannt und massiert. Das Laufen auf Stein, Holz oder Rindenmulch aktiviert dabei die Fußreflexzonen, und schärft die Empfindsamkeit der Füße.

Die Wandelhalle

Wir haben es um einen Bau aus dem Jahre 1912 zu tun. Ein Gebäude in neobarockem Stil. Mit vielen Glasfronten zum Königlichen Kurgarten hin. Das Herzstück ist ein prächtiger, aus rotem Marmor gefasster Brunnen mit sechs Messingrohren, aus denen unaufhörlich die Alpensole fließt. Der Bau ist würdig, elegant. Bei Betreten staunt man so, dass man unwillkürlich seinen Schritt verlangsamt, zu wandeln beginnt. Man kann sich nach Belieben an der Sole bedienen. Man kann gurgeln, die Sole im Mund zirkulieren lassen, man kann aber auch einen ganzen Becher trinken. "Ja", sagte der "Gurgelmeister", "man kann. Aber man sollte die Folgen bedenken. Es besteht die reale Gefahr, dass das die Verdauung mehr in Schwung bringt, als es ihnen lieb ist."  

Die meditative Wanderung durch den Park

Jede Pflanze, jede Blüte, jeder Baum hat seine Einzigartigkeit, in die man sich vertiefen kann. Welch sinnliches Vergnügen bereitet es, zart über die Blätter und Blüten des Blauglockenbaum zu streichen, an den traubenförmigen Blüten den versprochenen Vanilleduft zu riechen, das Blau der Blüten mit dem Blau des Himmels vergleichen. Die Blumen ganz intim, von ganz nah anzuschauen, und sich dann aus der Ferne noch einmal nach ihnen umzudrehen. Einer unter den vielen Magnolienbäumen hat den witzigen Namen "Taschentuchbaum". Seine Blätter sehen verknüllt aus. Unwillkürlich denke ich an die Kurschatten aus der Blütezeit der Bäderkultur. Ein Klassiker war jene berühmte Dame mit dem Spitzentaschentuch. Sie verlor es drei Schritte vor dem Herrn, den sie näher kennenlernen wollte. Er bückte sich, und eine Romanze begann.  

König Ludwigs Augenstern war die Alte Saline

Er ließ die Alte Saline nach dem großen Stadtbrand 1840 in neuer Pracht erstehen. Und natürlich war er Kurgast, und genoss die Schönheit. Die Predigtstuhl-Seilbahn stand ihm noch nicht zur Verfügung, dafür gab es Sänftenträger, die königliche und betuchte bürgerliche Gäste auf die steilen Höhen trugen. Um ein Verständnis für Salz, dem weißen Gold des Altertums, zu bekommen, ist der Besuch der Saline und des Museums ganz wichtig. Bis heute sprudeln im weit verzweigtem Stollensystem die Solequellen. Zwei riesige Wasserräder, die sich seit 170 Jahren Tag und Nacht drehen, fördern das kostbar Nass nach oben.  

Konzertgenuss

Das hohe Niveau der Kurtradition liegt der Stadt am Herzen. Die 19.000 Seelengemeinde hat ihr eigenes professionelles Orchester, das ganzjährig (täglich außer Montag) im Parkpavillon oder in der Konzertrotunde spielt. Das Kurorchester nimmt die goldene Ära des Walzers und der Operette auf. Von beschwingter Blasmusik bis zum temperamentvollen, swingenden Jazz erfreut sie mit ihrem Repertoire.  

Verzauberung durch das abendliche Lichtermeer

Die Dämmerstunde im Kurpark hat ein besonderes Flair. Wenn sich der Tag zu Ende neigt, und die Abendstunde das Tal verdunkelt, gehen im Königlichen Kurgarten Hunderte von Bodenstrahlern an, von Baumbeleuchtungen und Laternen. Ein warmer Orangeton betont die romantische Abendstimmung. Erst als mir der Parkwächter mit einer freundlichen Geste Richtung Ausgang zu verstehen gab, dass der Kur-Tag beendet sei, musste ich mich wohl oder übel verabschieden.

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